Warum es nicht um eine Band geht! | Kommentar

Wer die Twittertrends mitverfolgt hat, wird festgestellt haben, dass #Bayern3Racist am letzten Wochenende getrendet ist. Warum das so ist und warum deutsche Medien ein Problem haben Rassismus zuzugeben, versucht Redakteurin Saskia Dreßler zu erklären.

26.02.2021 – ich komme verschwitzt vom Joggen nach Hause, blicke auf mein Handy und werde in eine Diskussion verwickelt, die mich stundenlang nicht loslassen und tagelang beschäftigen wird. Wieder einmal zeigt sich, dass Deutschland mehr als nur ein latentes Rassismusproblem hat und Medien, seien es staatliche oder freie Medien, ihre eigenen Inhalte nicht reflektieren und Stellung nehmen.

Was ist passiert?

Bei der ganzen Sache geht es um eine Radiosendung von Bayern3. Bei dieser stellt Moderator Matthias Matuschik in der Sendung „Matuschik – ein etwas anderer Abend“ Musik vor und lästert ein bisschen über die Musikindustrie. Der Ton ist dabei, gelinde gesagt, ein bisschen sarkastisch und manchmal derb. Bei seiner letzten Sendung ging er jedoch einen Schritt zu weit. Für eine Anmoderation des Coldplay-Liedes „Fix You“ bezeichnete er die K-Pop-Band BTS, die das Lied gecovert hat, nicht nur als „kleine Pisser“, sondern wünschte ihnen auch „Urlaub in Nordkorea “. Das er den Coronavirus mit ins Spiel gebracht hat, war dabei nur das I-Tüpfelchen. Wahrscheinlich merkte Matuschik selbst, dass sein Kommentar nicht ganz geglückt war, denn er warf noch ein: „Nichts gegen Südkorea, man kann mir jetzt nicht Fremdenfeindlichkeit unterstellen, nur weil diese Boyband aus Südkorea… Ich habe ein Auto aus Südkorea. Ich habe die geilste Karre überhaupt.“ Zu Retten war nach dieses Aussage sowieso nichts mehr.

Als Antwort auf diese Sendung erfolgte ein Twittersturm, bei dem sich sowohl internationale  als auch nationale Personen beteiligten. Es waren nicht nur Fans, sondern auch betroffene PoC dabei. Das Urteil war eindeutig: Matuschik äußerte sich nicht nur abwertend der Band gegenüber, sondern auch rassistisch.

Der Radiosender und Matuschik äußerten sich zu der Sendung, doch die Rassismusvorwürfe sah niemand ein. Auch andere deutsche Medien berichten vor allem von den „verrückten BTS-Fans, die den Moderator angreifen“, während internationale Medien reflektieren, was an den Aussagen rassistisch war.

Rassistisch oder nicht?

Meiner Meinung nach waren die Aussagen Matuschik rassistisch, doch Rassismus und dessen Wahrnehmung hängt immer von den Betroffenen ab. Sie bestimmen, was sie als rassistisch ansehen oder nicht. Durch Aussagen aus der PoC-Bubble auf Twitter wird es klar, dass sich viele von Matuschik angegriffen fühlen. Ob wir weißen Europäer das so empfinden, spielt keine Rolle – trotzdem wird jede*r plötzlich zu einem*r Expert*in und gibt seinen Senf dazu. Ich möchte das gar nicht weiter beleuchten, denn es gibt genug PoC , die das viel besser beschreiben können als ich.

Aber kurz will ich umreißen, was mich an den Aussagen von Matuschik stört: Lassen wir mal weg, dass man niemanden öffentlich im Radio als „kleine Pisser“ bezeichnen sollte, nur weil die Musik nicht gefällt – gerade für einen öffentlich-rechtlichen Sender finde ich diese Ausdrucksweise mehr als nur peinlich. Für mich ist die schlimmste Aussage, dass die Bandmitglieder, nach Nordkorea sollen. Alle, die sich ein bisschen mit Nordkorea und Südkorea auseinandergesetzt haben, der wird wissen, dass alle Südkoreaner in Nordkorea mehrere Jahre Arbeitslager – wenn nicht sogar Schlimmeres – droht. Wie kann jemand so etwas mit gutem Gewissen sagen und sich dann herausreden, dass es „nicht so gemeint sei“? Das ist nicht nur lachhaft, das ist uneinsichtig und eben rassistisch. Da schützt kein Unwissen und kein Herausreden. Gesagt ist gesagt.

Auch das Einbringen von Corona ist grässlich. Seit dem Beginn der Pandemie wurden viele asiatisch aussehende Personen in Deutschland beleidigt oder angegriffen, denn ihnen wird die Schuld an dem Virus zugeschrieben. So mussten tagtäglich viele asiatische Mitbürger*innen Rassismus erfahren und ihnen geht es noch nicht besser. Matuschik schürt diesen Hass weiter. Wenn wir ganz ehrlich in uns gehen, dann müssen wir sagen, dass vergleich nicht nur logisch hinkt, sondern (hier ist es eben) rassistisch ist.

Und schließlich: Was soll das ekelhafte Zurückrudern mit der Aussage über das Auto? Diese Arroganz kann ich kaum fassen.

Medienecho

Doch statt, dass es Konsequenzen für den Moderator gibt, stellen die Medien ihn als eine Art Opfer dar. Es wird über die Twitterbeschwerden geschrieben, aber das eigentliche Problem wird nicht erwähnt. Diesen Kreislauf gibt es in den deutschen Medien immer wieder. Es wird sich gescheut den Rassismus zuzugeben, stattdessen wird ausgeteilt und andere angegriffen. Es wird dargestellt, als wären es nur verrückte Teenager, die sich aufregen, weil ihre Band kritisiert wurde. Aber erstens sind unter den (berechtigten) Kritikern nicht nur Teenager dabei und zweitens hätte niemand etwas dagegen, wenn Matuschik die Musik schlecht fände. Kritik kann, auch derb, geäußert werden. Matuschik hätte sagen können, dass er die Musik von BTS „scheiße findet“, aber das hat er nicht. Er hat sich stattdessen rassistisch geäußert, indem er die Nationalität der Band benutzte, um sie zu deformieren. Hier liegt der Unterschied, der nicht mehr fein, sondern schon mit bloßen Augen zu erkennen ist. In den meisten Berichterstattungen wird dieser Unterschied jedoch ignoriert. Dabei wäre es doch gerade die Aufgabe von öffentlich-rechtlichen Sendern neutral zu berichten und nicht anzugreifen.

Am Ende bleibt für mich die Scham und die Wut über das Geschehene. Ich schäme mich, dass in Deutschland oftmals nicht offen über Rassismus geredet wird und ich bin wütend, dass das Problem nicht erkennt wird. Nichts wird eingestanden, nur abgestritten. Damit sind wir alle, die erkannt haben, dass Matuschik rassistisch war, im Handlungszwang. Es nützt nichts, wenn wir große Worte schwingen. Wir müssen die Opfer von rassistischen Angriffen verteidigen und schützen. Das kann manchmal schwer sein, denn eigene Verhaltensweisen und Denkmuster müssen hinterfragt werden, aber jeder Schritt in diese Richtung ist der Richtige. Wer nun helfen möchte, der kann diese Petition unterschreiben, die fordert, dass es in BR3 eine Sondersendung zu Rassismus gegen Asiate*innen geben soll. Meine Unterschrift hat die Petition zu, denn es geht nicht um die Kritik an eine Band, sondern um Rassismus gegenüber asiatische Personen.


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