ADHS | © 2021 Couch & Chaos | Rizky Subagja / Unsplash | couchundchaos.de

Erwachsene mit ADHS im Interview 1/3 | Tabuschleife

Claus und Jule sind Erwachsene mit ADHS und wissen das erst seit kurzem. Bei ADHS denken viele an unerzogene Kinder. Die alternative Hirnstruktur bleibt Betroffenen lebenslang. Hier erzählen sie, wie es sich damit lebt.

Unsere Autorin Silke Ulrichs hat sich mit ihnen zusammengesetzt, um herauszufinden wie ADHS ihren Alltag beeinflusst. Welche Wege finden sie, um ihr Leben etwas einfacher zu gestalten.

  • In Teil 1 dieser Reihe erfährst du, wie es ihnen grundsätzlich mit ADHS geht.
  • In Teil 2 und Teil 3 werden sie sich anhand der Diagnosekriterien des DSM-5 zu einzelnen Symptomen von ADHS äußern.
  • Lies auch Silkes einleitenden Text zum Thema.

Erst einmal die Grundlagen: Wer bist du und was machst du so mit deinem Leben?

Jule: Ich bin Jule, bin 26 und im Moment studiere ich Kommunikationsdesign in Mannheim, aber alles auf Onlinebasis im zweiten Semester. Mehr kann ich eigentlich nicht sagen, außer dass ich noch in einer Band bin, in der ich singe.

Claus: Ich bin Claus, ich bin 46. Ich habe eine Ausbildung als Lektor gemacht nachdem ich Rhetorik studiert habe und habe dann zwischendrin 10 Jahre lang unterrichtet über das Schreiben und Arbeiten als Journalist. Jetzt arbeite ich wieder nur als Lektor. Singen kann ich aber nicht, brüllen jedoch schon.

Unsere ADHS-Diagnosen

Du hast also ADHS, seit wann weißt du davon?

Jule: Ich habe noch keine Diagnose, würde aber gerne eine machen. Den Verdacht, dass ich ADHS habe, habe ich schon seit einem halben Jahr, oder ich dachte eher, dass ich Autismus habe, was vielleicht auch sein könnte, weil es ja auch zusammenkommen kann. Also es gibt nicht nur Autismus oder ADHS, sondern es kann auch zusammen auftreten.

Ich bin da hauptsächlich durch das Internet draufgekommen. Durch verschiedene Videos, die beschreiben wie der Alltag so ist, oder was „normal“ ist, oder was ADHS überhaupt bedeutet. Da habe ich mich bei jedem Video einfach selbst wiedererkannt und war immer richtig geschockt, dass es so krass auf mich zutrifft.

Ich dachte immer ich muss mich anstrengen, oder ich muss mich besser konzentrieren, oder einfach anders sein, damit ich auf das „normale“ komme. Seitdem beschäftige ich mich mehr mit dem Thema. Was es überhaupt bedeutet und was man verbessern kann, damit es nicht wie bei meinen letzten zwei Studiengängen passiert. Da habe ich mich einfach exmatrikulieren lassen, weil ich dachte es interessiert mich nicht mehr. Ich kann da noch länger drüber reden, aber Claus! (Gestikuliert in Claus‘ Richtung)

Claus: Ich habe den Verdacht gar nicht selbst entwickelt, sondern es ist so: Ich habe seit vier Jahren Depressionen. Man hat dann eine neue Psychiaterin bekommen und bei den Gesprächen dort hat sie relativ schnell den Verdacht geäußert, dass ich irgendwo versteckt hinter der Depression ADHS habe. Wenn ich das richtig verstehe ergibt sich daraus der interessante Zusammenhang, dass unbehandelte ADHS die Symptome so verfestigen kann, dass es eine Depression befördert. Das ist sicherlich nicht der einzige Grund, warum ich eine Depression habe.

Sie hatte aus meinen Schilderungen verschiedene Sachen abgelesen, die ihr bekannt vorgekommen sind und dann hat sie das immer wieder vorgeschlagen, dass wir mal so einen Test machen. Das Hatte ich zuerst nicht so ernst genommen, weil es mir sehr nebensächlich zwischen den eigentlichen Symptomen erschien. Nachdem wir das mit den eigentlichen Symptomen nicht in den Griff bekommen haben, habe ich irgendwann dann halt gesagt: „Okay jetzt machen wir mal den Test“, und das war dann recht eindeutig.

Erinnerungen an ADHS in der Kindheit

ADHS hat man sein Leben lang, was meinst du waren die Anzeichen in deiner Kindheit?

Claus: Ich war ein sehr großer Träumer als Kind, also auch in der Schule. Ich mein, ich war sehr gut in der Schule, aber ich glaube das war sozusagen meine Notrettung, weil wirklich zugehört habe ich nicht. Ich habe irgendwelche anderen Sachen im Kopf gehabt, habe mich weggeträumt, oder ähnliches. Solche Sachen sind halt aufgefallen.

Oder, dass ich zum Beispiel nicht in der Lage war an so etwas wie Instrument lernen dran zu bleiben. Das war super spannend, solange sozusagen jeder Handgriff ein neuer Handgriff war, aber wenn’s dann darum ging etwas zu üben und durch Wiederholungen zu verbessern, habe ich sofort das Interesse verloren. Das sind typische Sachen.

Und dann auch, was ein Kriterium ist, was nicht in der diagnostischen Liste drinsteht, die wir vorliegen haben, ist so ein Hyperfokus. Das ist etwas, was man ganz häufig beobachten kann: Menschen mit ADHS sind wahnsinnig engagiert in Fächern, die sie interessieren und in Fächern, die sie nicht interessieren machen sie einfach gar nichts, weil sie sich nicht dazu überwinden können.

Das habe ich sehr sehr deutlich. Wenn mich etwas interessiert, dann kann ich mich darin so versenken, dass ich vergesse, dass ich aufs Klo muss oder etwas trinken sollte oder sonst irgendetwas. Und das hatte ich auch schon als Kind.

Jule: Ja bei mir ist es eigentlich ähnlich, also vor allem dieses Klischee von ADHSlern, dass es einfach irgendwie nur ein zappelndes Kind ist, dass im Unterricht stört, weil es halt nicht aufpassen kann, weil es mit jemand anderem redet.

Bei mir ist auf jeden Fall der Inattentive Type gewesen, also dass ich wirklich kaum mitbekommen habe was in meiner Umwelt passiert ist. Ich kann mich auch nicht so wirklich an meine Kindheit erinnern was das angeht. Also viele erzählen ja auch von ihrer Grundschulzeit. Da habe ich jetzt nur Ausschnitte.

Ich war oft immer die sehr Ruhige, aber wenn mich irgendwas gestört hat, oder wenn ich irgendwie gedacht habe: „Das ist jetzt wichtig das Thema, das find ich geil“, oder „ich will jetzt unbedingt was dazu sagen zu dem worüber gerade alle in der Gruppe reden“, dann bin ich auf einmal die ganz Laute gewesen, die dann plötzlich geredet hat. Alle haben dann irgendwie gedacht: Was, die Stille redet plötzlich so? Oft habe ich so quasi überrascht, dass ich dann schüchtern gewirkt habe, aber wenn’s halt wichtig für mich wurde, dann war ich plötzlich absolut nicht schüchtern.

Unsere ADHS-Coping-Mechanismen

Warum eine Kaffeetasse unseren Artikel zu AHDS ziert

Was sind deine Coping Mechanismen und würdest du sie anderen weiterempfehlen?

Jule: Meinst du jetzt negative, oder welche die wir selbst erstellt haben?

Silke: Das ist jetzt ohne Wertung von mir gesagt. Du kannst negative oder positive aufzählen. Zum Beispiel ein Freund von mir, der als Kind mit ADHS diagnostiziert wurde, trinkt sehr sehr viel Kaffee. Weil Kaffee auf ihn die Wirkung hat, dass er sich dann konzentrieren kann. 

Claus: Also auch eine Form von Selbstmedikamentierung. 

Jule: Ich habe ja schon ein paar aufgezählt. (zu finden in Teil 2 und Teil 3 des Interviews)

Claus: Du hast es ja relativ gut beobachtet. Du hast dir gezielt Lösungen für Probleme, die du beobachtet hast, überlegt.

Jule: Tatsächlich aber auch erst seit diesem halben Jahr. Also ich habe ja schon gemeint, es ist super wichtig überhaupt an Infos zu kommen. Hätte ich niemals über soziale Medien erfahren, dass ADHS so divers ist, also das widerspiegelt was ich schon immer hatte, dann hätte ich niemals diese ganzen Coping Mechanismen erstellen können. Ich wusste nicht, dass es nicht an mir liegt, und ich mich nicht neurotypisch verhalten muss.

Noch ein Coping Mechanismus von mir, das ist jetzt aber einfach so mein eigenes Ding, sind Rituale. Zum Beispiel in der Winterzeit, als viel Onlineunterricht und kalt war und man nicht rausgehen konnte, da war meine Art Coping Mechanismus ein Ritual mit Kerzen. Also ich habe immer, wenn ich angefangen habe mich für Unikram hinzusetzen vor dem Laptop Kerzen angezündet. Da habe ich eine Art Schalter umgelegt, „okay jetzt ist es entspannt, jetzt ist die Zeit etwas für die Uni zu tun“.

Dann ging es auch viel besser, als wenn du dich einfach nur hinsetzt und es ist alles wie immer, nur ist es halt draußen plötzlich dunkel. Das man einfach Zeichen setzt für sich selbst, dass es jetzt entspannt ist, was du machst. 

Verbreitete Selbstmedikamentierung

Claus: Es gibt eine Riesenpalette an Tricks, die natürlich nicht alle für einen passen, aber man hat auch genug Auswahl. Weil du jetzt gefragt hast, was sich gezielt in der Diagnose verändert hat, das kann ich gar nicht wirklich so genau sagen, weil ich die letzten Monate mich auch sehr viel damit beschäftigt habe, wie ich Stressabläufe optimieren kann.

Also zum Beispiel, dass es mich stresst keinen Überblick zu haben, und dann aber das Bemühen den Überblick zu gewinnen gleichzeitig ja auch irgendwie hilft diese Vergesslichkeit, die mit der ADHS zusammenhängt, in den Griff zu kriegen.

Was zum Beispiel anscheinend ein typisches Symptom ist, ist Schwierigkeiten beim Prioritätensetzen. Da habe ich sehr lange dran rumgebastelt wie ich damit umgehen kann spontane Einfälle mich nicht von dem abbringen zu lassen was ich gerade eigentlich tun muss. Ich schreibe mir alles auf was ich tun muss. Aber ich schreibe mir nie etwas für denselben Tag auf, sondern erst für den nächsten. Weil wenn ich es mir am selben Tag es erlaube zu machen, dann vergesse ich alles andere, was eigentlich getan werden sollte. Das ist halt einfach ein Rumprobieren was funktioniert und was nicht.

Also ich habe bei mir selbst gemerkt was das ganze normale Rumexperimentieren mit Drogen ist, was man so irgendwann halt mal macht, dass die Downer nie so mein Ding waren. Kiffen hat mich nie besonders interessiert, sondern es waren immer die Sachen, die halt irgendwie pushen, also Silke du hast das mit dem Kaffee gesagt. Den Kaffee, den ich mache nenne ich „Dead Elephant“, weil der so stark ist, dass er einen toten Elefanten wecken kann. Davon trinke ich sehr viel.

Dann kannst du rauchen ja auch so einsetzten, weil es dir so ein bisschen das Gefühl gibt, dass du dich besser konzentrieren kannst unter Nikotineinfluss. Das habe ich gemacht, mache ich aber auch schon seit Jahren nicht mehr. Speed oder Kokain, oder sowas hilft da natürlich auch, weil es halt auch irgendwie praktisch das Hirn stimuliert. Das ist dann ganz lustig, dass die illegale Tätigkeit sich ersetzen lässt durch das medizinisch verschriebene Amphetaminderivat. 

Jule: Also Kaffee trinke ich zweimal am Tag mindestens, aber ich weiß nicht ob ich wirklich einen Effekt spüre, weil es für mich eher so ein Ritualding geworden ist, dass ich Kaffee trinke, wenn ich irgendwas arbeite, oder dass es mich irgendwie beruhigt. Alkohol macht mich eher müde, kiffen auch. Speed habe ich noch nie wirklich geil gefunden, also ich habe es irgendwie dreimal probiert und es gefiel mir nicht. Ich habe auch oft gehört, dass Leute die mit ADHS Speed nehmen dann auf normalen Level sind. Also dass sie sich dann erst neurotypisch fühlen.

Ich wollte Microdosing (Einnahme sehr kleiner Mengen Psychodelika) mal ausprobieren. Ich habe sehr viel darüber gehört, dass Microdosing von Pilzen anscheinend super toll sein soll für die allgemeine Verfassung bei Depressionen und bei Konzentrationsstörungen, weil Microdosing heißt ja auch micro, weil man eben nicht auf einem Trip ist. Man hat ja dann einfach nur ein anderes Lebensgefühl, oder einfach nur gerade so genug Stimulation im Gehirn, dass du funktionieren kannst im Alltag. Das ist ja das Ziel von Allen, dass du gerade so funktionieren kannst, um über den Tag zu kommen. 

Was wir früher über ADHS dachten

Was sind Vorurteile, die ihr gegenüber ADHS hattet, die euch vielleicht davon abgehalten haben, dass ihr denkt ihr habt ADHS?

Jule: Das Zappeln, dass ich das auffällige Kind im Unterricht bin, dass die ganze Zeit ermahnt wird nicht laut zu sein. Das war ich ja nicht, und ich wusste nicht, dass es auch dieses unaufmerksamkeits-ADHS gibt. Wobei ich vielleicht beides bin, ich weiß es nicht, ich habe ja noch keine Diagnose. Ich dachte halt es wäre einfach nur irgendein Zappelphilipp quasi. 

Claus: Was glaube ich auch ein häufiges Klischee ist, dass Menschen mit ADHS nicht besonders gut in kognitiven Dingen sind, sondern besser untergebracht sind wo irgendwelche praktische Tätigkeiten durchgeführt werden oder so. Es wird ja gesagt, dass die Betroffenen nicht in der Lage sind lange zu lernen, oder ruhig dazusitzen und zu lesen.

Das fand ich deswegen interessant, weil als meine Psychiaterin das vorgeschlagen hat, habe ich mir da eigentlich nicht besonders viele Gedanken darüber gemacht. Ich habe eher gedacht: „Mit der Bezeichnung kann ich nichts verbinden, wovon ich glaube, dass es auf mich zutrifft, aber okay, wenn sie meint, dann soll sie das halt meinen“. Aber ich habe halt dann mit Freunden drüber gesprochen die dann meinten „was du? ADHS? Das kann überhaupt nicht sein“. Einfach weil das Bild so verbogen ist.

Jule: Es wird auf jeden Fall noch nicht genug über dieses ADHS aufgeklärt. Vor allem nervt es mich, dass es in den Köpfen vorkommt, dass nur Kinder das haben können. Sobald man erwachsen ist, hat man halt irgendwas anderes, ist gestresst, hat Burnout oder so. Man denkt vielleicht erst am Schluss an ADHS. 

Claus: Also bevor mir die Diagnose vorgeschlagen wurde, habe ich auch nicht gewusst, dass man das überhaupt als Erwachsener haben kann. Ich habe dann auch gelesen, dass es sehr häufig dann nicht diagnostiziert wird, weil Erwachsene die Symptome besser verstecken können als Kinder. Dann ist die nächste Erkenntnis, die du hast: das betrifft irrwitzig viele Leute. 

Es folgen noch die Teile 2 und 3 des Interviews.


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