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Erwachsene mit ADHS im Interview 2/3 | Tabuschleife

Claus und Jule sind Erwachsene mit ADHS und wissen das erst seit kurzem. Bei ADHS denken viele an unerzogene Kinder. Die alternative Hirnstruktur bleibt Betroffenen lebenslang. Hier erzählen sie, wie es sich damit lebt.

Unsere Autorin Silke Ulrichs hat sich mit ihnen zusammengesetzt, um herauszufinden, wie ADHS den Alltag der beiden beeinflusst. Welche Wege finden sie, um ihr Leben etwas einfacher zu gestalten.

  • In Teil 1 dieser Reihe konntest du erfahren, wie es ihnen grundsätzlich mit ADHS geht.
  • In Teil 2 und Teil 3 werden sie sich anhand der Diagnosekriterien des DSM-5 zu einzelnen Symptomen von ADHS äußern.
  • Lies auch Silkes einleitenden Text zum Thema.

ADHS-Diagnose laut Leitfaden

Das DSM-5 ist die fünfte Version des „Diagnostischen und statistischen Leitfadens psychischer Störungen“ der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft. Er wird parallel zum ICD-10 genutzt, einem Leitfaden für die Definition anerkannter Krankheiten für statistische Zwecke, den die Weltgesundheitsorganisation herausgibt. Ihr kennt aus dem ICD-10 möglicherweise die Kennzahlen für diese Definitionen, die beispielsweise auf Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und medizinischen Überweisungen genannt sind. ADHS ist beispielsweise F90.0.

Für die Diagnose von ADHS sind nach dem DMS-5 eine ganze Reihe von Kritikern nötig, von denen sich einige auf das erstmalige Auftreten und das Andauern von Symptomen, den Schweregrad und das Maß der Beeinträchtigung Betroffener beziehen. Auch wird natürlich gegenüber anderen möglichen Ursachen abgegrenzt.

Im Kern werden dann zwei Blöcke von möglichen Symptomen genannt:

  • erstens die „Unaufmerksamkeit“
  • zweitens „Hyperaktivität und Impulsivität“.

In diesem Teil unseres Interviews mit Jule und Claus befragen wir diese zu ihren Symptomen aus dem Bereich Unaufmerksamkeit. Dem zweiten Block widmet sich dann Teil 3. Für eine Diagnose von ADHS sind laut DSM-5 mindestens fünf der folgenden Symptome aus dem Bereich Unaufmerksamkeit nötig:

Disclaimer: Auch wenn das verführerisch sein mag, nutze diesen Text bitte nicht zur Selbst- oder Fremddiagnose. Er dient nur der leicht zugänglichen Information und ist nicht wissenschaftlich exakt. Wenn du dich darin wiederzukennen meinst, mache bitte einen Termin in einer psychiatrischen Praxis für eine professionelle Diagnose.

ADHS-Symptom: Nachlässigkeit und Flüchtigkeitsfehler

Jule: Ich bin mittlerweile so paranoid, dass ich alles drei Mal kontrolliere, bevor ich irgendwas fertig mache oder abschicke, wenn ich eine E-Mail schreibe, oder ein Projekt fertig stelle. Ob ich es richtig abgespeichert habe, oder ob ich den Schlüssel und das Handy in der Tasche habe, weil das ganz schnell passiert, dass irgendetwas fehlt. 

Silke: Also versuchst du das schon zu umgehen?

Jule: Ja genau! Also ich versuche alles zu vermeiden was geht. Wodurch ich aber auch super durcheinander komme, vor allem wenn ich gestresst bin.

Claus: Ich habe das Gefühl, dass dieses sich bewusst sein, dass man leicht kleine Fehler macht, möglicherweise zu Perfektionismus, im krankhaften Sinne, führen kann. Das erscheint, im Grunde genommen, wie die einzige Rettung.

Also ich weiß nicht ob das was damit zu tun hat, aber zum Beispiel Rechtschreibung in der Schule – Das war einfach ein Universum, zu dem ich keinen Zugang gefunden habe. Also sich damit auseinanderzusetzen, wie sich irgendwas schreibt. Ich würde nicht einmal sagen, dass ich es mir nicht merken konnte, aber es ist überhaupt nicht weit genug in meine Aufmerksamkeit gedrungen.

Vielleicht fallen da auch so typische Sachen darunter, aber die machen andere wahrscheinlich auch falsch, wie du konzentrierst dich darauf was für einen E-Mail-Text du schreibst, vergisst aber das Attachment. Ich gehe davon aus, dass das die Art von Flüchtigkeitsfehlern sind, die sie meinen, ich erkenne mich da nicht so sehr darin wieder, weil ich mich überwiegend halt im Perfektionismus widererkenne.

Jule: Also mit der Rechtschreibung hatte anscheinend ich auch Probleme. In der Grundschule war ich glaube ich in einem Lese-Rechtschreibschwäche Kurs irgendeinem Kurs drin, weil ich anscheinend nicht so gut im Diktat und sowas war. Diese Flüchtigkeitsfehler sind eigentlich nur durch Stress von außen passiert, also wenn es Zeitdruck grab – Wenn man dann einen Test schreiben musste, dann hast du nur 30 Minuten oder 10 Minuten, und dann bist du eigentlich nur darauf fokussiert schnell zu sein statt zu denken was die Aufgabe jetzt ist.

ADHS-Symptom: Keine lange Konzentration

Jule: Man liest in einem Aufsatz drei Mal den gleichen Satz, weil man einfach gerade einen anderen Stressfaktor hat. Also statt sich darauf zu konzentrieren jetzt diesen Satz korrekt zu verstehen, denkt man daran ihr gut zu lesen (lacht). Ich weiß nicht ob das Sinn ergibt.

Claus: Wir hatten ja vorhin auch über den Hyperfokus gesprochen. Das ist wie ein Schalter, wenn es interessant ist, dann Hyperfokus und wenn es langweilig ist, dann null Konzentration. Mein Vorteil ist da, dass mich fast alles interessiert und vor allem wie abstrakter es ist, desto mehr interessiert es mich. Deswegen komme ich mit sowas super klar.

Was die Hölle war, war zum Beispiel Klassenarbeiten korrigieren – 20 Mal die verstümmelte, falsche Antwort auf dieselbe Frage zu lesen, das war unmöglich. Das hat mich so viel Kraft gekostet mich darauf zu konzentrieren, weil du musst ja volle Konzentration haben und gleichzeitig ist es stinklangweilig. 

Jule: Ja das ist so ein Ding mit dem Repetitiven. Es gibt ja auch dieses Klischee, dass da Leute mit ADHS sehr viel Sachen anfangen aber nicht fertig machen. Es ist interessant etwas zu starten, aber die Wiederholung und das Üben und das Gleiche zu machen oft sehr langweilig wird, oder nicht mehr interessant genug ist. So geht`s mir auch, vor allem auch mit den Studiengängen. 

ADHS-Symptom: Eindruck von geistiger Abwesenheit

Claus: Ja ich hatte das ja auch beschrieben, das in der Schule mit dem Träumen. Wobei, wie Jule beschrieben hat: sie hört schon zu und bekommt auch alles mit, aber sie macht halt nebenher in ihrem Kopf drölf andere Sachen, weil das langweilig ist, oder? So hast du das gemeint.

Jule: Ja also, wenn mich ein Gespräch nicht interessiert, oder ich es dann direkt rausfiltern kann, dass es für mich jetzt keine Relevanz hat, dann drifte ich super schnell ab. Aber wenn das Gespräch dann plötzlich umschwenkt in etwas, was mich betrifft, dann habe ich ja nicht wirklich richtig zugehört und dann wirke ich sehr unhöflich, weil ich ja nicht zugehört habe.

ich kann das auch manchmal nicht kontrollieren, also sobald ich mich anstrenge jetzt wirklich zuzuhören, weil es meine Freunde sind, weil ich die jetzt nicht verletzten will, dann wird es glaube ich noch schlimmer. Also dann denke ich irgendwann nur noch an diesen einen Satz: „Du musst dich jetzt konzentrieren“, „jetzt musst du aber aufpassen“ und dann denke ich: „Scheiße, jetzt habe ich schon wieder nicht aufgepasst, weil ich daran denken musste, dass ich aufpassen muss“.

Und dann kommt noch dazu – Oh habe ich genug Augenkontakt gemacht? Bin ich gerade ruhig oder nicht? Wirke ich gerade überhaupt interessiert oder nicht?

Claus: Ja das ist auch ein sehr interessanter Aspekt. Aber du scheinst jetzt was das mit dem Eindruck der Abwesenheit angeht auch dann tatsächlich irgendwie abzuschalten, oder? Habe ich das richtig verstanden?

Jule: Ich glaube schon. Also viele sagen so klischeehaft über mich, dass ich sehr verträumt wirke, oder verpeilt bin und wie ein Zombie in der Schule gewirkt habe. Und dass ich vor Allem auch sehr langsam bin, also manche regen sich vor allem immer auf wenn ich mit denen einen Film schaue und der ist gerade sehr theoretisch geworden, dann muss man sich halt wirklich darauf konzentrieren. Wenn ich jetzt nicht die nächsten drei Minuten wirklich aufpasse, dann habe ich gar keine Ahnung was der Plot vom ganzen Film ist.

Claus: Aber das ist interessant, weil du sagst ja jetzt im Grunde genommen, dass dein Bemühen dich zu konzentrieren deine Konzentration stört. 

Jule: Ja, das ist auf jeden Fall so. Das habe ich aber auch vielleicht bisschen von früher. Also ich bin sehr schlecht im Kopfrechnen, was daran wahrscheinlich auch liegt, weil jedes Mal, wenn ich kopfgerechnet habe, meine Mutter viel zu ungeduldig war. Und dadurch habe ich immer direkt Stress, oder diesen Druck in meinem Kopf, dass ich jetzt sofort schnell die Antwort haben muss, bevor ich einen Taschenrechner benutze.

ADHS-Symptom: Ablenkbarkeit bei Aufgaben, oder schnelles Wechseln von Aufgaben

Jule: Ich weiß nicht, ob du das kennst Claus – wenn man irgendwie gerade zum Kühlschrank läuft, oder in die Küche, und man sieht irgendetwas, was eigentlich gemacht werden muss. Zum Beispiel ein Teller der in die Spülmaschine soll. Man möchte spülen, aber die Spülmaschine ist voll, dann muss man erst die Spülmaschine ausräumen, dann sieht man irgendein Fleck auf dem Boden, oder man sieht den vollen Müll.

Dann bringt man erst den Müll raus und dann vergisst man was man ganz am Anfang tun wollte. Das ist wie bei dem Spiel Sims sag ich immer, dass man dann plötzlich ganz viele Punkte hat, die man davor eigentlich nicht hatte.

Claus: Also das ist sozusagen ja der Anfangspunkt von dieser Ablenkbarkeit und dann folgt ja aber auch die Ablenkbarkeit in die Gegenrichtung nachher. Also bei mir ist es zum Beispiel so, ich mache irgendwas – sagen wir mal ich schlage etwas nach, um jemandem eine Information zu geben und wenn ich dann das nachgeschlagen habe und den Computer öffne um die Nachricht zu schicken sehe ich eine andere Nachricht.

Dann lasse ich mich davon ablenken, folge einem Link, lese etwas, guck mir ein Video auf YouTube an, sehe das Buch wieder und beantworte dann die Nachricht. Das heißt das ist genau das Gleiche wie bei dir mit der Ablenkbarkeit (zu Jule)

Jule: Ja, voll schlimm.

Claus: Also dieses quasi-Multiatsking, das sind fünf Sachen, die ich machen muss und dann springe ich zwischen zwölf Aufgaben hin und her. Drei der Aufgaben die ich machen muss, mache ich gar nicht, und ich springe aber tatsächlich hin und her weil mir immer wieder zwischendrin einfällt: „Ah, davon habe ich mich gerade ablenken lassen“, und dann mach ich das weiter. Und dann lenke ich mich wieder ab und dann geht das immer so hin und her, und irgendwann sind dann alle Sachen fertig. 

Jule: Ja, kann ich unterschreiben. 

ADHS-Symptom: Schlechte Selbstorganisation und schlechtes Zeitmanagement

Jule: Also im Organisieren bin ich sehr gut, also unironisch. Nur das Ausführen ist halt eine sechs. Aber allein da ich das schon weiß, dass ich wahrscheinlich ADHS habe, habe ich mir da schon Tipps und Tricks im Internet herausgesucht.

Warum ich halt eben auch es ziemlich wichtig finde über das Thema zu reden und das an die Öffentlichkeit zu bringen, was überhaupt ADHS ist, weil seitdem ich weiß, es könnte sein, dass ich auf dem ADHS Spektrum bin, kann ich nach Möglichkeiten suchen es zu verbessern.

In dem neuen Studiengang wo ich jetzt drin bin habe ich Coping Mechanismen, die halt wirklich etwas bringen. Also halt wirklich für ADHSler und nicht irgendwelche Tipps aus dem Internet für neurotypische Menschen, wo man so irgendwelche Planer hat, die mir am Ende nur mehr Stress bringen als Hilfe. (Pause) Was war eigentlich die Frage? 

Silke: Es ging um schlechte Selbstorganisation und schlechtes Zeitmanagement.

Jule: Ja genau, also ich habe mittlerweile schon viele verschiedene Taktiken, aber oft fällt er mir schwer die wirklich durchzusetzen, weil ich oft kein Zeitgefühl habe.

Claus: Mein Zeitmanagement ist eine Katastrophe, vor Allem weil ich schlicht und einfach nicht auf die Uhr schaue. Also das ist auch gerade in der Schule fürchterlich gewesen, ich habe das ja vorhin schon angedeutet.

Ich komme zu spät in den Unterricht weil sich in der Stunde davor schon das Gleiche abgespielt hat was sich dann in der Stunde abspielt. Dann bin ich etwas im Zeitdruck mit meinem Stoff und am Anfang guck ich noch dauernd auf die Uhr und versuche es irgendwie organisiert zu bekommen und wenn ich dann richtig in meinem Stoff drin bin, dann vergesse ich alles um mich herum.

Dann kommen die Schüler irgendwann so: „wir haben schon seit zehn Minuten aus“ und ich komme in die nächste Stunde auch wieder zu spät. Ich verliere die Uhr völlig außer Augen. Was jetzt Zeit angeht, ich habe dann versucht mir halt immer Wecker zu stellen.

Also als ich noch als Lehrer gearbeitet habe, hab ich zum Beispiel mir immer Wecker gestellt die fünf Minuten vor Ende der Stunde vibrieren, damit ich weiß okay ich muss jetzt zum Schluss kommen, damit ich aus dem Klassenzimmer rauskomme und dann auch in der Pause wieder klingelt wann ich los muss um ins nächste Klassenzimmer zu kommen, weil sonst verliere ich das völlig aus den Augen.

Was jetzt Selbstorganisation angeht: Alles was ich mir nicht sofort aufschreibe vergesse ich, weil ich andere Sachen im Kopf habe. Das ist natürlich auch depressionsbedingt, dass das Gedächtnis schlechter ist, aber das heißt, wenn ich irgendwas machen muss, muss ich‘s mir aufschreiben sonst mach ich es halt nicht, weil ich mich einfach nie wieder daran erinnere.

Jule: Ich habe auch mittlerweile so kleine Zettel überall verteilt, wo ich immer nebenher etwas kritzeln kann für meine Gedanken. Weil wenn ich irgendwelche Ideen hab, ist es manchmal sogar sehr wichtig, dass ich sie aufschreibe, vor allem wenn sie für ein Projekt sind, weil ich schaffe es irgendwie innerhalb von Millisekunden das was ich gerade tolles in meinen Kopf bekommen habe, was wirklich wichtig für ein Projekt wäre, einfach sofort zu vergessen und ich weiß nicht mehr wie das funktioniert, das ist einfach weg dann.

ADHS-Symptom: Das Vermeiden längerer, anstrengender Aufgaben

Jule: Bei mir wäre das ein Projekt, das ich unbedingt machen will, aber nie gemacht habe – Kalligrafie zum Beispiel. Da hatte ich jetzt drei Wochen lang so eine Blockade, obwohl ich absolut bock hatte auf das Thema. Ich hatte aber auch Angst es zu verkacken, weil ich es nie gemacht habe, und ich wollte es auf jeden Fall auf den ersten Drücker perfekt hinbekommen.

Aber ich habe es einfach physikalisch nicht geschafft, obwohl ich mich an den Schreibtisch gesetzt habe. Ich habe sogar schon den Zettel hingelegt und alles bereit gehabt, aber ich konnte nicht anfangen. Habe es aufgeschoben und dadurch wurde es immer schlimmer und schlimmer, dass dieser Berg and nicht ausgeführten Übungen auch Konsequenzen hatte.

Das war auch ein Problem, dass ich der Professorin dann erklärt hatte, was sie auch sehr verständnisvoll beantwortet hat und ich habe es jetzt auch irgendwie geschafft in drei Tagen alle Aufgaben abzuschicken, die eigentlich acht Stunden jeweils dauern. Aber ich habe es geschafft, nachdem ich angefangen hab.

Claus: Das ist relativ typisch deswegen machen Menschen mit ADHS Dinge erst auf den letzten Drücker. Es gibt da diese Metapher von einer Hängebrücke, bei der Planken fehlen, und darum eine ganz einfache Handlung durchzuführen. Während die anderen einfach über die Brücke gehen, hat der ADHSler weniger Planken und kann deshalb diese ganz einfache Aufgabe nicht erfüllen, obwohl er es auch will. Da steht prozessmäßig irgendetwas einem selbst im Weg. Aber es geht ja auch um die Monotonität von Aufgaben. 

ADHS-Symptom: Verlieren von Gegenständen

Claus: Ich erzähle eine Anekdote, die macht das sofort klar: Ich war im Supermarkt und bin mit meinem Einkaufszettel die Regale abgelaufen und habe die Sachen aus den Regalen in meinen Wagen getan und irgendwann kam ich dann beim Waschmittel an und habe festgestellt mein Einkaufszettel ist weg. Dann habe ich in meinen Wagen geschaut was ich zuletzt reingetan habe, bin zurück und habe meinen Einkaufszettel im Käseregal wiedergefunden. 

Das ist dieses du hast etwas, was du gerade nicht brauchst und du legst es weg, aber es dringt nicht so weit ins Bewusstsein, dass du irgendwie merkst was du gemacht hast, sondern es ist weg. 

Jule: So habe ich mal mein Handy verloren, beziehungsweise es wurde mir geklaut. Ich war einkaufen und ich habe einfach nur ganz kurz beide Hände gebraucht, um etwas anzuschauen und da habe ich mein Handy ganz kurz hingelegt nur um dieses eine Ding anzufassen mit beiden Händen. Habe dann aber vergessen dass mein Handy noch da liegt. Ich bin weitergelaufen und irgendwann stell ich dann fest „fuck wo ist mein Handy?“

Ich geh dann zurück und es war weg. Natürlich komplette Panik, weil da war noch mein Studienausweis und meine Bankkarte drin, also sehr viel Geld. Sonst bin ich eigentlich nicht vergesslich. Ich weiß eigentlich meistens wo ich etwas hingelegt habe, außer wenn es jetzt gerade ganz schnell gehen muss beim Kochen oder so etwas, dass ich dann irgendwo einen Löffel hingelegt habe und ich finde den einfach nicht mehr obwohl er in meinem Sichtfeld ist. Ich bin da auch wieder sehr vorsichtig, dass ich nichts verlier, weil ich schon viel verloren habe.

ADHS-Symptom: Vergesslichkeit – z. B. bei To-Dos

Claus: Das war in der Schule übrigens auch wahnsinnig anstrengend, entweder du unterrichtest gerade, oder du hast das was auf dem Stundenplan als Pause bezeichnet wird. Also den Moment wo alle zu dir kommen und irgendetwas wollen.

Ich hatte zum Beispiel irgendwann mal das großartige Erlebnis, dass ich von meinem Büro zum Klassenzimmer geeilt bin, weil ich natürlich schon wieder zu spät dran war und dann kam jemand und wollte irgendetwas. Wir haben irgendwas ausgemacht, dann bin ich ins Klassenzimmer und habe unterrichtet und danach viel mir ein, ich habe Jemanden getroffen und habe etwas ausgemacht, aber ich konnte mich nicht daran erinnern wer es war und um was es ging. 

Jule: Ja ich habe auf jeden Fall schon Taktiken, wie ich das umgehen kann. Zum Beispiel das ist mein heiliger Gral (zeigt Post-It-Notes), das sind so Post-Its die super gut haften und ich habe hier so eine kleine Pinwand neben mir. Jedes Mal wenn bei mir eine Vorlesung vorbei ist habe ich mir angewöhnt die Aufgabe aufzuschreiben, die bis nächstes Mal fertig werden muss, oder was ich halt machen sollte für das Fach.

Das ist immer in meinem Blickfeld und ich finde das viel viel geiler diese Zettel dann hier abzureißen und zu zerquetschen und wegzuschmeißen. Dann ist das für mich so ein physisches Zeichen für okay ich habe etwas geschafft und das kann auf meinem Kopf raus und fertig. Ich habe auch noch so einen Kalender hier über mir oben.

Also ich bin jetzt mittlerweile von Handy auf analoges Zeug gegangen, weil das irgendwie anscheinend besser mit meinem Gehirn funktioniert und da schreibe ich mir quasi alle meine Termine, bis wann ich irgendwas gemacht haben muss. Also meine Deadlines sind dort (zeigt auf ihren Kalender) und meine Aufgaben sind dort (zeigt auf die Pinwand) und dann kann ich eigentlich alles immer schön anschauen.

Silke: Sehr organisiert. 

Claus: Ja, aus der Not, würde ich sagen. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass digital nicht funktioniert. Also das verschafft irgendwie keinen Überblick.

Es gibt auch die Bezeichnung Gamification. D as funktioniert bei Menschen mit ADHS auch gut, dass du praktisch eine banale Aufgabe als Spiel formulierst. Also ich spüle beim Geschirrspülen immer zuerst alle Gabeln und dann alle Löffel oder irgendsoein Quatsch. Oder ich versuche so viel wie möglich zu spülen bis der Kaffee gekocht hat oder so etwas. Und dadurch wird es zum Spiel und ist leichter als ohne diese spielerischen Gedanken. 

Jule: Wie so Challenge Gedanken, das haben auch manche, die machen dann mit ihrem Partner eine Challenge wer ist schneller beim putzen oder so. 

ADHS-Symptom: Ablenkbarkeit durch Reize oder Gedanken

Jule: Oft passiert es, dass ich genau den gleichen Film super gut aufmerksam durschauen kann, wenn ich ihn allein schaue, weil ich absolut keine Ablenkung um mich herum habe. Vor allem wenn das jetzt ein dunkler Raum ist. Wenn ich aber jetzt zwei Leute dahabe, die vor allem auch noch etwas strenger sind, dann schaue ich manchmal auf die Reaktionen der Gesichter.

Manchmal schaue ich auf die Pflanze im Eck, manchmal schaue ich auf eine Reflektion, die da links interessant war, und dann stresse ich mich innerlich, weil ich jetzt schon wieder irgendwo anders hingeguckt habe, statt auf den Fernseher.

Claus: Wenn der ablenkende Reiz langweiliger ist als das was man gerade tut, dann funktioniert es nicht. Deshalb auch dieses ich vergesse etwas zu trinken oder aufs Klo zu gehen, weil ich mich auf etwas konzentriere. 

Jule: Was wir vielleicht noch nicht angesprochen haben ist Überreizung, also dass es auch oft nur durch Überreizung nicht zur Konzentration führen kann. Dass es jetzt nicht unbedingt toll ist, dass es dort glitzert, sondern, dass es einfach nur zu laut ist visuell oder akustisch.

Und das man zum Beispiel dieses Partysyndrom hat wenn man in einer großen Gesellschaft ist und es sind viel zu viele verschiedene Geräusche auf einmal die vor allem nicht konstant sind sondern schnell und laut kommen und man dadurch zu viele Konzentrationspunkte hat auf einmal und das dann nicht so ausfiltern kann, dass man jetzt in dieser einen Runde eher sein sollte, und man das nicht so ganz gut abgrenzen kann.

Und man dadurch dann so schnell überreizt ist, dass man einen Shutdown bekommt oder so. Also, dass man gar nichts mehr sagt und der eine Typ in der Gruppe ist, der an Ende stumm ist, weil man überreizt ist. Man kann es nicht wirklich besser machen, außer man geht kurz raus mit Rauchern, oder man geht kurz auf die Toilette.

Claus: Typisches Rofa (Rockfabrik; früherer Club in Ludwigsburg, bei Stuttgart) Phänomen, erstmal drei Bier trinken um die Reizschwelle so weit hochzutrinken, dass es erträglich ist da drin zu sein. Das führt so ein bisschen in die Richtung Selbstmedikamentierung und so. Das mit der Überreizung, das spielt schon eine große Rolle, weil das kann dann völlig blockieren.

Ich habe vor drei Jahren aufgehört Alkohol zu trinken, und seltsamerweise das Gefühl, dass manche Symptome seither schlimmer geworden sind, weil Alkohol nicht nur eine Droge ist, sondern halt auch ein Medikament

Es folgt noch Teil 3 des Interviews. Darin wird es um die Symptome aus dem Bereich Hyperaktivität und Impulsivität gehen.


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