Women in Horror – Ein Interview mit Nicole Siemer

Bei Horrorautor*innen denken viele sofort an Stephen King, aber auch die deutsche Horrorliteraturszene hat viel zu bieten. Gerade Frauen* beweisen, dass auch sie Horror schreiben können. Zu ihnen gehört Nicole Siemer, welche sowohl Romane als auch Novellen in diesem Genre veröffentlicht. In einen Interview stellt sie sich den Fragen unserer Autor*in Jessica Bradley.

Plaudere bitte ein bisschen aus dem Nähkästchen. Wie bist du zum Horror gekommen?

Ich glaube, das Fernsehen hat viel dazu beigetragen. Schon sehr früh habe ich mich abends zu meinen Eltern gesetzt, wenn sie sich Akte X angesehen haben. Mit der Serie bin ich aufgewachsen, ebenso wie mit Buffy – Im Bann der Dämonen. Außerdem haben meine Schwester und ich uns gerne über Monster unterhalten. So Geschichten wie: „Was ist cooler? Vampire oder Werwölfe?“ Diese Art von Gesprächen.

Da meine Mama früher selbst geschrieben hat, habe ich in der Grundschule ebenfalls damit angefangen. Während sie Tiergeschichten erzählte, kamen in meinen, Geister und buckelige Totengräber auf Friedhöfen vor. Damals habe ich auch angefangen, mich nachts heimlich vor den Fernseher zu schleichen, um mir Horrorfilme anzusehen. Das war nicht immer schlau, denn einige Filme haben mich durchaus traumatisiert, wie die „The Shining“-Miniserie zum Beispiel (die ich dem Film vorziehe). Bis heute fürchte ich mich vor Badewannen und der aufgedunsenen Frau, die möglicherweise darin liegen könnte. Brr.

Wovor gruselst DU dich?

Badewannen!

Ich habe außerdem Angst vor Spinnen, obwohl ich sie gleichzeitig ziemlich faszinierend finde. Tiefe Gewässer gruseln mich. Sehe ich beispielsweise in einer Doku das tosende Meer, Strudel oder die Niagarafälle, wird mir immer etwas mulmig. Hin und wieder fürchte ich mich in der Dunkelheit. Ich habe eine blühende Fantasie und wenn mein Verstand erst einmal anfängt, über mögliche Kreaturen nachzudenken, die in der Finsternis lauern, spielen meine Sinne verrückt. Außerdem habe ich heftige Höhenangst. Ich kann nicht einmal auf einem Stuhl stehen, ohne Schwindelgefühle. Als Kind hatte ich einen wiederkehrenden Traum, in dem ich auf einer Art Plattform saß, die immer höher schwebte und wenn ich nachts aufgeschreckt bin, war mir, als bewegten sich meine Wände von mir weg. Unschön! Mittlerweile habe ich das nur noch ganz selten. Zum Glück.

Dann wäre da noch die Angst davor, im Mittelpunkt zu stehen. In der Schule habe ich mich, so gut es ging vor Referaten gedrückt – was natürlich nicht immer möglich war  – , dafür habe ich sogar einmal eine Sechs in Kauf genommen. Stehe ich im Mittelpunkt, werde ich rot, fange stark an zu zittern, zu lispeln, und habe dermaßen ein Brett vor dem Kopf, dass mir selbst einfachste Wörter nicht einfallen wollen. Menschenmassen haben einen ähnlichen Effekt auf mich. Da zeigen sich die körperlichen Reaktionen aber eher durch Aggression und Übelkeit.

Welches Medium führt, deiner Meinung nach, dazu, dass wir uns mehr gruseln?

Meiner Meinung nach: Die Angst vor dem Unbekannten. Aber das geht nicht jedem so. Jeder fürchtet sich vor anderen Dingen. Meine Leser*innen teilen sich stets in zwei Gruppen auf: Die eine, die sich beim Lesen richtig gruselt. Die andere, die sagt, der Horroranteil habe gefehlt.

Wenn wir beispielsweise die Kreatur nicht sehen – wie in Büchern – stellen wir sie uns so vor, wie sie für uns selbst am unheimlichsten ist. In Filmen bekommen wir häufig schlechte CGI-Monster zu Gesicht, die ungewollt komisch wirken. Daher ist für mich das Buch das Medium, dass dazu führt, dass wir uns eher gruseln. Vorausgesetzt, das Maß an Fantasie ist da. Ich schätze fast, die meisten Leute würden eher sagen, Filme seien gruseliger. Vermutlich hält sich beides die Waage.

Was ist deine Lieblingshorrorlegende?

Das dürfte Bloody Mary sein. Spiegel sind unheimlich und die Vorstellung, darin nachts eine Frau zu sehen, deren Gesicht vollkommen entstellt und blutig ist, ist schaurig. Fasziniert hat mich diese Legende schon immer, gerufen habe ich Mary tatsächlich nie. Bislang…

Frauen können kein Horror, höchstens glitzernde Vampire. Was sagst du dazu?

Geh mir weg mit glitzernden Vampiren! Diese Bücher sind einfach nur peinlich, ebenso die Filme. Sorry, falls sich Fans unter euch befinden. Ich habe Vampire immer geliebt und dann kam Twilight … Grr!

Frauen können Horror. Warum auch nicht? Was sollten Männer anders machen als wir? Wir kennen  das Gefühl von Angst, also können wir es beschreiben. Es gibt genügend Frauen, die Horror und Grusel lieben, also können wir uns eigene Gruselwusel ausdenken.

Warum sollten nur Männer dazu imstande sein? So wie wir Horror- und Thriller-Romane schreiben können, können Männer Liebesromane schreiben. Wir sind alle Menschen. Außerdem sollte nie vergessen werden, dass einer der ersten Horrorromane von einer Frau verfasst wurde, der ebenso Science-Fiction enthält, was wir Frauen ja angeblich auch nicht können: Mary Shelleys Frankenstein.

Wie hat sich das Genre Horror in den letzten Jahren verändert?

Puh! Das ist eine schwierige Frage. Das Horrorgenre ist, wie alle anderen Genres auch, ständig im Wandel. Heutzutage wird meiner Meinung nach deutlich mehr gemixt. Horror und Grusel findet sich in so vielen Romanen, ob Thriller, Fantasy oder Sci-Fi. Manchmal sogar in Liebesromanen, wenn  Personen auftreten, die anderen Figuren Angst einjagen, durch Drohungen oder Stalking. Mal gibt es nur leichte, kaum merkliche Anteile, mal besteht der Großteil eines Romans aus Horror. Ich liebe dieses Genre gerade deswegen, weil es so vielschichtig ist und sich so viel damit machen lässt.

In Filmen hat sich ebenfalls einiges getan. Ich für meinen Teil bin selten von heutigen Horrorfilmen begeistert. Mich stören diese oft schlecht gemachten CGI-Monster und billigen Jump-Scare-Effekte. Die meisten Filme sind nur eine Aneinanderreihung von Schockmomenten ohne Handlung. Wo bleibt die Aufklärung? Warum macht das Monster, was es macht? Was ist es überhaupt für eine Kreatur? Da lobe ich mir beispielsweise The Ring (2002), in dem recherchiert und aufgeklärt wird, was es mit Samara auf sich hat. Außerdem haben Masken und Make-Up auf mich einen besseren Effekt als die meisten CGI-Monster. Denkt nur mal an Der Exorzist (1973). Wie unheimlich sieht Regan bitte aus? Und das empfinde ich selbst heute noch so!

Warum gibt es kaum gute, deutsche Horrorfilme?

Weil es kaum gute Schauspieler*innen gibt. Mir fällt offen gesagt nicht eine*r ein … Allerdings sehe ich mir generell keine deutschen Filme an, außer alte Schwarz-Weiß-Klassiker :D, daher kann zu dieser Frage wenig sagen. ^^

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Schön wäre es, wenn ich als Autorin mit der Zeit so erfolgreich sein kann, dass ich meinen Brotjob nicht mehr in Vollzeit ausüben muss, sondern in die Teilzeit wechseln kann. Ganz aufgeben würde ich ihn nie, dafür ist mir die Sache zu heikel, aber Teilzeit wäre schon schön.

Außerdem hoffe ich, dass Horrorautorinnen irgendwann nicht länger belächelt werden. Das gilt auch für Frauen und Männer, die in anderen „gender-untypischen“ Genres aktiv sind.


Nicole Siemer wurde 1991 in Papenburg geboren und arbeitet hauptberuflich als Hörgeräteakustikerin. Heute lebt sie zusammen mit ihren zwei Katzen in Lingen.Neben Romanen schreibt sie Kurzgeschichten, die sie auf ihrem Blog kostenlos zur Verfügung stellt.

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